Schüler*innen aller Kantone, vereinigt euch!

«Eine Person, welche die Maturaprüfungen bestehen möchte, muss die Prüfungsvorbereitung auch alleine schaffen. Matura steht für Reife: Ein reifer Mensch muss sich selbst bilden können». Nach einer hitzigen Diskussion mit meinen Eltern wurde mir eines bewusst: Viele meiner Mitmenschen verstehen nicht, wieso es so unglaublich wichtig ist, alle Abschlussprüfungen in der aktuellen Zeit zu streichen.

Die Liste an Argumenten, welche für eine Absage der Prüfungen spricht, ist lang. Sehr lang. Sei es aus rein praktischen und gesundheitlichen[1] oder aus pädagogischen und Fairness-Gründen, es sprechen unzählige Fakten dafür. Dennoch hat der Bundesrat entschieden, dass es in der Kompetenz der Kantone liegen soll, zu entscheiden, ob sie Tests wie beispielsweise die anstehenden Maturitätsprüfungen durchführen wollen oder nicht. Das föderalistische «buck-passing»[2] soll abermals gesiegt haben. Dieser Blogbeitrag soll einen Aspekt der Probleme, welche die aktuelle Corona Krise für das Bildungssystem bedeutet, beleuchten: Die Verstärkung der bisherigen Chancenungleichheit. Doch was heisst «bisherige Chancenungleichheit»? Wieso wird sie verstärkt? Und was hat das mit Prüfungen zu tun?

 

Ein Abriss der herrschenden Ungleichheiten

Um beurteilen zu können, wie sich die Ungerechtigkeiten der Bildung in unserem Land unter Corona verstärkt haben, müssen wir zuerst eine Analyse der Lage vor Corona durchführen. Ein Bericht der Universität Zürich[3]zeigt den misslichen Zustand besonders gut. Es wird jetzt gleich etwas abstrakt, aber ich mache nachher ein anschauliches Beispiel, versprochen.

Eine Gruppe von ca. 2’000 Schüler*innen aus dem Kanton Zürich wurde unter anderem in 4 gleich grosse Untergruppen aufgeteilt: Eine Gruppe «benachteiligte soziale Herkunft», eine weitere Gruppe «eher benachteiligte soziale Herkunft», eine Gruppe «eher privilegierte» und letztlich eine Gruppe «privilegierte soziale Herkunft». Aus Platzgründen erspare ich dir, welche Faktoren genau die Verteilung beeinflussten, aber glaub mir: Ich habe das Ding (http://www.ibe.uzh.ch/dam/jcr:00000000-7f28-1670-ffff-ffffba93c96f/Lernstandserhebung_9KlasseZH_Bericht.pdf) gelesen, die Gruppierung ergibt Sinn. Danach wurde analysiert, wie die Verteilung der jeweiligen Herkunftsgruppen in den verschiedenen Bildungswegen der Sekundarstufe I (also Langzeitgymnasium, Sekundarschule Abteilung A und Sekundarschule Abteilung B) aussieht. Die These lautet: Sollte die soziale Herkunft keine Rolle bei der Wahl eines Schulwegs spielen, so wären die Herkunftsgruppen in allen Teilen der Sek I gleich verteilt. Die Realität ist offensichtlich eine andere, wie stark ist jedoch erschreckend: Während im Langgymnasium 69% der Schüler*innen aus einer privilegierten Situation kommen, sind es in der Sek B nur noch 8% privilegierte Schüler*innen. Umgekehrt sind fast die Hälfte aller Sek B Schüler*innen aus der benachteiligten Gruppe, während im Gymi (kein Scherz) 0% der Schüler*innen aus dieser Gruppe stammen. Diese Diskrepanz könnte nur noch erschreckender gemacht werden, indem man -0% schreiben würde. 0. Null. Zero. Oder anders herum: 92% der Schüler*innen im Langzeitgymi stammen aus einer privilegierten Situation, wobei 80% der Schüler*innen in der Sek B aus einer benachteiligten Situation stammen.

Die Zahlen beweisen grundsätzlich nur das, was wir alle bereits ahnten: Das Kind zweier Universitätsabsolvent*innen, welches an der Goldküste lebt, eine Nachhilfelehrer*in zur Verfügung hat, Unterstützung der Eltern bei den Hausaufgaben erhält und Zeit hat, in seiner Freizeit Bücher zu lesen, wird eher ans Gymnasium gehen als das Kind von zwei Migrant*innen aus Schlieren, welches aus finanziellen Gründen keine Nachhilfe erhalten kann, in seiner Freizeit die kleinen Geschwister betreuen und abends den Eltern beim Deutschlernen helfen muss. Wie gross der Einfluss dieses Faktors ist, wird dir erst jetzt bewusst, habe ich recht?

«Und jetzt?», wirst du dir jetzt vielleicht denken. «Ob du jetzt ans Gymi gehst oder eine Lehre machst, ist doch egal. Du kannst auch mit einem Sek B Abschluss erfolgreich sein.» Diese Aussage könnte von meinem Vater stammen, einer Person, die damals einen «Realschulabschluss» (vergleichbar mit einem heutigen Sek B Abschluss) gemacht hat, in seinem Leben nebst harter Arbeit auch viel Glück hatte und heute im grössten Wohlstand, den er sich erträumen könnte, lebt. Mit dieser Aussage ignoriert er aber einen relevanten Fakt: Nicht nur ist ein «höherer Schulabschluss»[4] von deiner sozialen Herkunft abhängig, nein! Umgekehrt ist dein sozialer Stand auch direkt mit der «Höhe» deines Schulabschlusses verbunden. Soll heissen: Wenn du das Gymi absolvierst, an der Universität studierst und deshalb einen gutbezahlten Beruf erlernst, wird dein sozialer Stand automatisch privilegierter sein, als wenn du an der Sek B abschliesst und danach eine schlechter bezahlte Lehre machst.[5] Das wiederum beeinflusst deinen Nachwuchs bei der Wahl des Bildungsweg… Ein Teufelskreis!

Um diesen kurzen Abriss zur Chancengleichheit in der Bildung abzuschliessen: Müsste ich unser Bildungssystem als Lehrperson mit einer Note für Chancengleichheit bewerten, würde ich unbedingt das Gespräch mit den Eltern suchen: «Schauen sie, Herr und Frau Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektor*innen (EDK), ihr Kind bringt leider einfach nicht die Leistungen, die wir in unserem Land anstreben und wir müssen darüber reden, was wir da tun können.»[6]

 

Und dann: Corona.

«Na gut», magst du dir denken. Oder vielleicht passender: «Na ungut. Aber was hat das mit dem Coronavirus zu tun?» Schauen wir doch zuerst, was genau wegen Corona unternommen werde musste:

Die beliebteste Massnahme von Schulen war, dass die Kinder in irgendeine Art des «Homeschooling» geschickt wurden. Kurz gesagt bedeutet der sogenannte «Heimunterricht», dass die Eltern die Funktion einer Lehrperson übernehmen müssen. Die Schüler*innen erhalten Aufgaben, welche sie von zu Hause aus lösen müssen. Was passiert jetzt aber, wenn die Schüler*innen keine Person in ihrem Haushalt haben, welche die Aufgaben eine*r Lehrer*in übernehmen können? Stellen wir uns vor, dass das oben erwähnt Kind aus Schlieren alle Statistiken geschlagen und es doch ans Gymi geschafft hat. Wer hilft dem Kind bei der Lösung der Textaufgaben in der Mathematik? Wer unterstützt es dabei, eine Charakterisierung von Hans Giebenrath, dem Protagonisten von Hermann Hesses «Unterm Rad», zu verfassen?

Was passiert also konkret, wenn alle Kinder von heute auf morgen den Schulunterricht nur noch von zu Hause aus erleben? Nehmen wir als Beispiel eine durchschnittliche Gymi Klasse[7]: 8% von ihr gehören zu der Gruppe mit «eher benachteiligtem sozialen Hintergrund», 23% zu den «eher privilegierten» und 69% zu den «privilegierten». Die Kinder mit «privilegiertem» Stand werden wahrscheinlich kaum Probleme haben: Ihre Eltern waren selber mal an einem Gymi, mal kurz ein paar Chemie Hausaufgaben oder Latsch Vokabeln repetieren schadet sowieso nicht. Schlimmstenfalls können sie ja auch einfach eine befreundete Nachhilfelehrerin anstellen, die ihrem Kind hilft: Easy peasy. Für Kinder mit eher privilegierter sozialer Herkunft stellt die Situation schon eher eine Challenge dar. Die Eltern müssen beide noch arbeiten, da wird am Abend noch zusätzlich dem Kind bei den Hausaufgaben helfen schwieriger. Wenigstens lässt man sie aber in Ruhe lernen. Und irgendwie schafft man das ja dann doch noch. Kinder aus eher benachteiligten Verhältnissen haben jetzt die Arschkarte gezogen: Zu Hause kann ihnen keine*r helfen, denn niemand kennt den Stoff. Ausserdem sind beide Elternteile auf Kurzarbeit, die Stimmung ist also angespannt, man streitet oft. Die Hausarbeiten, welche man bereits vor der Krise übernehmen musste (Wäsche waschen, den kleinen Bruder hüten, kochen, putzen…) muss man auch jetzt noch machen, Corona hin oder her. Ah, und die Internetverbindung ist schlecht, der Laptop fast kaputt, aber neue Technik liegt einfach nicht im Haushaltsbudget: Die Schulbücher sind ja auch schon teuer. Du magst mich vielleicht zynisch nennen, doch die Realität wird sehr ähnlich aussehen.

Siehst du, was passiert? Das Virus hat einen Trend, der auch ohne die Krise schon existiert, nochmals verstärkt: Je weniger privilegiert die Situation im eigenen Haushalt ist, desto schwieriger ist es, in unserem Bildungssystem Erfolg zu haben. Und: Die ausgleichende Wirkung, die der Unterricht in einem Klassenzimmer hat, fällt ganz weg. Während im «ordentlichen Schulalltag» eine Lehrperson für alle Schüler*innen im gleichen Mass Unterstützung leisten kann, ist es im Homeschooling von den Eltern abhängig. Das bedeutet: Nicht nur beeinflusst bei Homeschooling deine soziale Herkunft die Wahl deines Bildungsweges, sondern auch wie erfolgreich du innerhalb dieses Bildungswegs du bist. Ungleichheiten in einem bereits ungleichen System: Der Feuchttraum eines neoliberalen Kapitalisten.

 

Dear Mr. Parmelin[8]

Gut, Grundstein gelegt, jetzt ist der Schritt zu einem Appell an Monsieur Le conseiller fédéral nur noch ein kleiner.

Wie bereits erwähnt, gibt es unzählige Gründe, wieso die Abschlussprüfungen abgesagt werden müssen: Aber die Person, welche jetzt noch behauptet, dass alle Schüler*innen ausreichend, fair und gleich auf die Matura-, FMS-, BMS- und alle sonstigen abschliessenden Prüfungen vorbereitet wurden, muss mir mal ihr Gerechtigkeitsverständnis erklären.

Liebe Bundesratsmitglieder, lieber Guy Parmelin: Toll gibt’s den Föderalismus, gell? Leider haben euch viele Leute durchschaut. Dass ihr «den Kantonen nicht dreinreden wollt», zeugt von Feigheit. Es wäre mutig gewesen und hätte von einem Gerechtigkeitssinn gezeugt, wenn ihr euch für die Schüler*innen, vor allem die benachteiligten unter ihnen eingesetzt hättet. Habt ihr aber nicht.

Liebe Kantonsregierungen: The buck stops here.[9] Ihr könnt euch nicht aus dieser Schlinge ziehen, ihr müsst euch entscheiden. Und glaubt mir, wenn ihr euch für das Durchführen von Abschlussprüfungen entscheidet, wird euch das eine ganze Generation niemals verzeihen.

Und liebe Schüler*innen: Haltet zusammen! Gemeinsam könnt ihr eure Kantonsregierungen davon überzeugen, dass das Durchführen von Abschlussprüfungen untragbar ist. Solltet ihr zu den privilegiertesten Schüler*innen gehören, dann solidarisiert euch mit denjenigen, die nicht dieselben Privilegien geniessen können. Bombardiert eure Regierungsrät*innen mit Emails. Hängt ein Transpi vor das Regierungsgebäude mit einem guten Spruch. Tut alles was ihr könnt, um zu zeigen, dass ihr euch gegen die Ungerechtigkeit, die diese Situation hervorgebracht hat, einsetzt. Seid wütend und verleiht eurer Wut Ausdruck, indem ihr euch gegen die Entscheidung eures Kantons wehrt, wenn er die Prüfungen durchführen will.

 

Timothy Oesch
Vorstandsmitglied JUSO Zürich Unterland

 

Quellen

[1] Die Durchführung von Prüfungen von einer grossen Anzahl Menschen in Einklang mit den Social Distancing Massnahmen zu bringen ist beispielsweise absolut unmöglich.

[2] Buck-passing (engl.): Steht für eine Übertragung der eigenen Verantwortung und Zuständigkeiten auf eine andere Person, Organisation oder ein anderes Organ.

[3] Entwicklung schulischer Leistungen während der obligatorischen Schulzeit, Domenico Angelone, Florian Keller und Urs Moser, November 2013, http://www.ibe.uzh.ch/dam/jcr:00000000-7f28-1670-ffff-ffffba93c96f/Lernstandserhebung_9KlasseZH_Bericht.pdf.

[4] Das Wort «höherer Abschluss» passt eigentlich nicht: Darunter sollte der «akademische Grad» verstanden werden. In diesem Beitrag aber auch noch die Problematik der Gleichschaltung von akademischem Bildungsgrad und gesellschaftlichen Stand zu thematisieren, würde jeden Rahmen sprengen. Wenn’s dich interessiert, schreib mir. Können ja zusammen ein Buch dazu schreiben oder so.

[5] Hier dasselbe: Wieso Berufe, die einen akademischen höheren Grad verlangen, besser bezahlt werden und was daran alles problematisch ist, würde ich so gerne erörtern. Der Beitrag ist jedoch bereits fast 1’000 Wörter lang und ich will auf den Punkt kommen. Habe aber bereits einen Titel für unser Buch: Text me!

[6] Dieser Witz ist für alle die bildungspolitischen Nerds da draussen.

[7] Ich habe eine Gymi Klasse gewählt, weil ich nachher auf die Maturitätsprüfungen zu sprechen kommen werde. Das gleiche gilt natürlich auch für alle anderen Klassen.

[8] Falls du diesen Witz nicht verstanden hast, weil mein Humor mit zunehmender Länge des Textes abnimmt: Ich will auf das Lied «Dear Mr. President» von P!ink nehmen. Ja. Tut mir leid.

[9] Verweis nach oben: «The buck stops here» soll heissen, dass die Verantwortung nicht weiter abgeschoben werden kann.

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