Je suis Baga

Am vorletzten Sonntag versammelten sich auf dem Place de la République in Paris über eine Million Menschen zu einer der grössten Kundgebungen der Nachkriegszeit. Sie gedachten den Opfern des Anschlags auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und protestierten für Presse- und Redefreiheit. Bereits in den Tagen davor kam es in verschiedenen Städten – auch in der Schweiz – immer wieder zu Solidaritätskundgebungen, so gingen allein in Genf über 2000 Menschen auf die Strasse.

So viel Solidarität ist begrüssenswert und lässt leisen Optimismus aufkeimen, denn Menschen, die für ihr Anliegen auf die Strasse gehen, sind die Grundlage jeder politischen Bewegung. So viel Solidarität irritiert aber auch. Denn dass es am selben Tag wie der Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ im Norden Nigerias zu einem Massaker in der Stadt Baga kam, bei dem von zahlreichen Opfern ausgegangen wird, wird in der westlichen Wahrnehmung völlig ausgeblendet. Keine Solidaritätskundgebungen, keine Welle von „Je Suis Baga“-Profilbildern in sozialen Netzwerken, kein öffentlicher Aufschrei. Es geht nicht darum, zu quantifizieren, welcher Anschlag tragischer war, den grösseren Schaden angerichtet hat, mehr „Recht“ auf Solidarität hat. Dennoch lässt diese selektive öffentliche Wahrnehmung Fragen zurück: Wie kann ein Anschlag Millionen Menschen auf die Strasse treiben, während ein anderer kaum Beachtung findet?

Natürlich, Paris liegt vor unserer Haustür. Dass uns das, was uns räumlich nahe ist, auch mehr bewegt, ist verständlich und für sich noch kein Grund zur Kritik. Dass es sich aber bei den Opfern von Charlie Hebdo mehrheitlich um weisse Männer europäischer Herkunft handelt, sollte uns zu denken geben: Dürfen wir uns Solidarität auf die Fahne schreiben, wenn wir nur mit denjenigen solidarisch sind, die uns ähnlich sind, mit denen wir uns identifizieren können?

Und natürlich, eine solche Bluttat ist im westlichen Europa selten, während wir gegenüber Schreckensnachrichten aus Krisengebieten wie Nigeria abgestumpft und gleichgültig geworden sind. Dass das erschüttert und erschreckt, ist ebenfalls verständlich. Aber rechtfertigt das  unhinterfragtes Sympathisieren mit dem Hype, der sich um  „Je suis Charlie“ entwickelt hat? Unter dem Deckmäntelchen Solidarität vereint sich inzwischen alles, was will und alles, was die Chance auf Profit und Profilierung wittert. Denn mit einem zerstörten Dorf in Afrika lassen sich keine moslemfreien Fluglinien fordern, keine Wiedereinführung der Todesstrafe rechtfertigen, kein Stopp von muslimischen Asylbewerbern verlangen – mit 17 Toten Menschen in Paris aber schon. „Wir kotzen auf all die Leute, die sich plötzlich unsere Freude nennen“, meint Bernard Holtrop, Karrikaturist bei Charlie Hebdo passend dazu. Und so bleibt nach all diesem Entsetzen, Elend und Leid die Frage stehen, wo Solidarität aufhört und wo Heuchelei anfängt.

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