Warum Pinkwashing Queers schadet

21.09.2021 - Luca Dahinden

Während im Pride-Monat Juni alle Unternehmen ihre Logos mit einem Regenbogen unterlegt haben, sind sie kurz vor der Abstimmung zur «Ehe für Alle» plötzlich erstaunlich still. Höchste Zeit daher, sich mit Pinkwashing auseinanderzusetzen und mit dem gängigen Argument, dass auch «Repräsentation durch Konzerne und Länder» für uns als queere Bewegung gut sein sollten. Spoiler Alert: Ist sie nicht!

Aber von Anfang an: Was ist eigentlich Pinkwashing? Wikipedia definiert es folgendermassen: «Pinkwashing bezeichnet Strategien, durch das Vorgeben einer Identifizierung mit der Queeren-Bewegung bestimmte Produkte, Personen, Länder oder Organisationen zu bewerben, um dadurch modern, fortschrittlich und tolerant zu wirken.» Pinkwashing ist somit eine von Konzernen verwendete Strategie mit dem Ziel, sich einen progressiven Anstrich zu geben, um damit an das Portemonnaie von Queers und gesellschaftsliberal eingestellten Menschen zu kommen. Frei nach dem Motto: «Schau, wir haben ein Regebogen über unser Logo geknallt, jetzt kauft gefälligst unsere überteuerten und durch Kinderarbeit hergestellte Kleidung.» Ein Beispiel ist die UBS, eine der Hauptsponsoren der Zürich Pride, welche in der USA zwischen 2017 und 2018 insgesamt 72 queerfeindliche Politiker*innen mit insgesamt 1'094’750 US-Dollars finanziell unterstützt hat.[1]

Aber auch Länder versuchen sich mit Pinkwashing als fortschrittlich darzustellen – auch wenn sie es nicht sind. Aktuell sind zum Beispiel Deutschlands Anstrengungen, das Fussballstadion in München bei EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn in Regebogenfarben erscheinen zu lassen, um auf die miserable Situation von Queers in Ungarn aufmerksam zu machen. Generell ist es löblich, wenn sich Staaten gegen die massive Repression von Queers in Ungarn einsetzen. Etwas komisch ist es jedoch, wenn das von einem Land kommt, das wenige Wochen zuvor das «Transsexuellen-Gesetz»[2] bergab geschickt hat, welches trans Personen endlich ihre lang verdienten minimalen Rechte gegeben hätte.

Doch für Beispiele muss mensch nicht ins Ausland schauen. Während Schweizer Konzerne im Juni alle ihr Logo regenbogenfarben gefärbt haben, will sich der grösste Teil bei der kommenden Abstimmung über die «Ehe für Alle» fein raushalten[3]. Denn eine Abstimmung sei politisch, und ein Regenbogenlogo im Umkehrschluss nicht. Damit wären wir auch bei einem grossen Problem von Pinkwashing. Es führt zu einer Entkopplung von politischen Inhalten, der Pride-Month und die Regenbogenflagge werden entpolitisiert. Ein Problem, das wir auch bei der Ja-Kampagne zur «Ehe für Alle» oder bei der Zürich Pride sehen. «Progressiv» sein ist eine Marketingstrategie, Queerness ist ein Lifestyle. Dass dahinter queere Menschen stecken, die täglich Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt sind, wird ignoriert. Dass homosexuelle Jugendliche eine fünfmal höhere Suizidrate haben – bei trans Personen ist sie sogar fast 20 Mal höher als bei heterosexuellen cisgender Jugendlichen – interessiert niemanden. Es wird eine falsche Akzeptanz vorgespielt, die wir Queers ganz konkret zu hören bekommen. «Schau, sogar die UBS hat eine Regebogenfahne aufgehängt, so schlimm kann euer Leben doch gar nicht sein», wird uns an den Kopf geschmissen, wenn wir uns für echte queere Befreiung einsetzten. Dies ist brandgefährlich, es entsteht ein Eindruck, dass mit ein paar Regebogenlogos oder der «Ehe für Alle» für uns Queers nachher alles gut wird. Währenddessen nimmt die Gewalt gegen Queers trotz Pandemie zu und queere Lebensweisen werden in Schulen immer noch nicht gelehrt oder bestenfalls oberflächlich behandelt.

Für eine wirkliche queere Emanzipation benötigen wir keine Konzerne mit Regenbogenlogos, sondern müssen uns selbst organisieren und kämpfen. In diesem Sinne – auf in einen kämpferischen Abstimmungssonntag!


[1] Legum, Judd: These rainbow flag-waving corporations donated millions to anti-gay members of Congress, for: popular.info

[2] Der Begriff Transsexuell ist generell problematisch, da er Transgender mit Sexualität verknüpft, um welche es nicht geht, sondern um Geschlechteridentität, das Gesetzt hat in Deutschland leider echt so geheissen.

[3] https://www.watson.ch/wirtschaft/schweiz/344094309-rainbow-washing-konzerne-supporten-lgbtqi